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Projekt "Vergangenheit ist Zukunft"



Vergangenheitsaufarbeitung in Marokko und Deutschland - Wissenschaftlicher Erfahrungsaustausch mit begleitender Ausstellung

22.05.-03.06.2006 in Leipzig



Projektbeschreibung

Zusammenfassung
Weltweit stellt sich Staaten und Gesellschaften in Transformationsprozessen die Frage, wie mit einer vorrechtsstaatlichen Vergangenheit umzugehen ist. Deutschland konnte zur Aufarbeitung des SED-Regimes nach der Wiedervereinigung auf 40 Jahre Rechtstaatlichkeit zurückgreifen. Zudem war das alte Regime zerschlagen und konnte keine Forderungen geltend machen. In Marokko hat kein Systemwechsel stattgefunden, die Aufarbeitung der Vergangenheit steht in der Kontinuität einer Führungselite.
Vergangenheitsaufarbeitung heißt auch, unter der Berücksichtigung der jeweiligen nationalen Besonderheiten die Erfahrungen zusammenzubringen und aus ihnen zu lernen. Eurient e.V. möchte ein Forum schaffen, auf dem sich deutsche und marokkanische Wissenschaftler sowie zivilgesellschaftliche Akteure über den Umgang mit jüngster Geschichte austauschen können. Dieser Austausch soll in Form eines Kolloquiums stattfinden. Vergangenheitsaufarbeitung ist aber nicht nur die Aufgabe von Wissenschaftlern und endet nicht mit einem Abschlussbericht, sondern soll Zukunft gestalten. Neben der Dokumentation des Erfahrungsaustauschs auf wissenschaftlicher Ebene soll durch ein Theaterstück und eine Comic-Ausstellung ein künstlerischer Zugang ermöglicht werden, wodurch staatliche und nichtstaatliche Akteure und weite Bereiche der Öffentlichkeit in den Dialog einbezogen werden.

Teilbereiche
• 3-tägiges wissenschaftliches Kolloquium
• Comic-Ausstellung des marokkanischen Künstlers M. Nadrani

Ziel der Maßnahme ist es, durch den Austausch marokkanischer und deutscher Wissenschaftler und zivilgesellschaftlicher Akteure Impulse zu geben und das Bild der Vergangenheit für die Zukunft zu gestalten. Dieser Austausch zwischen nicht-staatlichen Multiplikatoren und Akteuren soll den transmediterranen staatlichen Dialog erweitern. Künstler, Nachwuchswissenschaftler und die Öffentlichkeit werden darin eingebunden. Das traumatische Erleben staatlicher Willkür spricht eine überkulturelle, unmittelbar persönliche und humanistische Ebene an. Der zukünftige Dialog kann nur funktionieren wenn er individuell und persönlich geschieht und ein Verständnis für das anregt was der „Andere“ erlebt hat und wie er denkt. Das Projekt ist pilothaft angelegt und soll in der Zukunft weitere Länder und Akteure nördlich und südlich des Mittelmeeres (Irak, Libanon, Syrien, Spanien, Portugal etc.) mit einbinden.

Hintergrund
Es existiert eine große Auswahl an Methoden der Aufarbeitung. Allein Deutschland, das sich bereits zweimal in weniger als einem halben Jahrhundert damit konfrontiert sah, ein vergangenes Unrechtsregime aufarbeiten zu müssen, blickt auf gänzlich unterschiedliche Ansätze zurück: die Nürnberger Prozesse als strafrechtliches Tribunal zur Aufklärung der Nazi-Verbrechen und die Behörde der Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen (BstU) zur wissenschaftlichen und öffentlichen Aufarbeitung des SED-Regimes.
Marokko ist das erste und einzige Land im Nahen Osten und Nordafrika, in dem bis heute eine unabhängige Wahrheitskommission zur Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen gegründet wurde. Dieser Schritt ist umso bemerkenswerter, da ihm kein Regimewechsel vorausging, sondern die Macht 1999 nach dem Tod Königs Hassan II., verfassungsgemäß an seinen ältesten Sohn überging. Die Aufarbeitungskommission ist zwar das Ergebnis einer politischen Öffnung, sieht sich aber mit einer Kontinuität der Führungselite konfrontiert.
Mohammed VI., Sohn und Nachfolger von Hassan II., hat angekündigt, das 1994 gegebene Versprechen seines Vaters, „das Blatt definitiv zu wenden“, umzusetzen und das neue Image Marokkos als einer sich entwickelnden Demokratie weiter auszubauen. Anfang Januar 2004 setzte er die „Instanz für Gerechtigkeit und Versöhnung“ (Instance Equité et Réconciliation (IER) ein. Gegenstand der öffentlichen Anhörungen sind die so genannten „Bleiernen“ oder auch „Schwarzen Jahre“ (les années de plomb), der Regierungszeit von Hassan II. (1961 – 1999). In dieser Zeit wurde jede Form von Opposition mit Mitteln der Folter, extralegalen Hinrichtungen, „Verschwindenlassen“, sowie willkürlichen Festnahmen unterdrückt. Die Anhörungen, die teilweise im Fernsehen übertragen wurden, stellen einen entscheidenden Einschnitt in der politischen Landschaft Marokkos dar. Zum ersten Mal wird öffentlich über die schweren Menschenrechtverletzungen gesprochen und sie rücken in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Unabhängige Menschenrechtsgruppen beteiligen sich an der Aufarbeitung; die „Association Marocaine des Droits Humains“ (AMDH) fordert z.B. die öffentliche Nennung der Namen von Folterern und Verantwortlichen und führte daher parallel zu der Arbeit der IER eigene Anhörungen durch.

Jede Wahrheitskommission sieht sich mit einer spezifischen Situation konfrontiert, die durch Form und Dauer des Konflikts bzw. Unrechtsregimes, gesellschaftliche Gegebenheiten sowie die Art des politischen Umbruchs geprägt ist. Die strafrechtliche Verfolgung der Täter, Forderungen nach finanzieller Wiedergutmachung, eine offizielle Anerkennung der Opfer und der sensible Umgang mit persönliche Daten und Akten sind Aspekte die in unterschiedlicher Gewichtung stets eine zentrale Rolle spielen.
So stellt sich in Deutschland auch 16 Jahre nach dem Ende des SED-Regimes wiederholt die Frage wie im Umgang mit den Akten der Staatsicherheit die Vertraulichkeit persönlicher Daten zu gewährleisten ist. Wem sollen sie unter welchen Bedingungen zugänglich gemacht werden? Was ist höher zu bewerten, das öffentliche Recht auf Aufklärung oder der Datenschutz der Opfer und der Täter? In Marokko kritisieren vor allem unabhängige Menschenrechtsvereinigungen die Straffreiheit der Täter und den Zeitraum der „Vergangenheitsbewältigung“, der die neueren Entwicklungen ab dem Regierungsantritt Mohammad VI. nicht mitberücksichtigt.

Hinsichtlich dieser unterschiedlichen Aspekte der Vergangenheitsaufarbeitung ist ein Erfahrungsaustausch, der der Einzigartigkeit eines jeden Falles besondere Beachtung schenkt, unerlässlich. Vor diesem Hintergrund sollen deutsche und marokkanische Wissenschaftler (staatlicher und nicht-staatlicher Institutionen) zu einem Erfahrungsaustausch (Kolloquium) eingeladen werden, von dem beide Seiten profitieren. Die Ergebnisse des Kolloquiums sollen dokumentiert und in beiden Ländern durch lokale Akteure vorgestellt und verbreitet werden. Damit Geschichte nicht nur von staatlichen Akteuren geschrieben wird, ist es wichtig, verschiedene Gruppen in den Dialog einzubinden. Da jedoch Vergangenheitsaufarbeitung nicht nur die Aufgabe von Wissenschaftlern ist und nicht mit einem Abschlussbericht endet, sollen auch breite Teile der Öffentlichkeit eingeladen werden, sich mit der Problematik auseinander zu setzen. Einen weiteren Zugang zu dem Thema bietet die Comic-Ausstellung des marokkanischen Künstlers Mohamed Nadrani, der selbst Opfer der bleiernen Jahre ist und jetzt aktiv bei der Aufarbeitung mitwirkt. Diese Ausstellung in Leipzig soll zwei Wochen lang Möglichkeit zu Diskussionen bieten. Im Vorfeld werden wir lokale und überregionale Zeitungen und Medien und wissenschaftliche Zeitschriften gezielt einbinden.

...wie wir den Austausch konkret gestalten:
1) Zweitägiges wissenschaftliches Kolloquium.
Den Teilnehmern soll in Arbeitsgruppen die Möglichkeit gegebenen werden, zentrale Fragen und Probleme juristischer, politischer und ethischer Natur zu erörtern. Die Arbeitsgruppen sollen jeweils von wissenschaftlichen Vertretern und Verantwortlichen der staatlichen Institutionen sowie von Vertretern unabhängiger Organisationen beider Länder inhaltlich vorbereitet und geleitet werden. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen sollen auf einem gemeinsamen Podium präsentiert, diskutiert und dokumentiert werden.
Arbeitsgruppen (Vorschläge):
• Marokko – Aussöhnung mit der eigenen Geschichte?
• Deutschland – Die Aufarbeitung des SED-Regimes
• Strafe und Straffreiheit in Transitionsprozessen
• Wahrheit und kollektives Gedächtnis
Datum: 26. und 27. Mai 2006
Ort: Universitätsbibliothek "Bibliotheca Albertina", Leipzig

2) Die Comic-Ausstellung „Les Sarcophages du Complexe – Disparitions forcées“, Standpunkte eines politischen Häftlings in Kalaat M’Gouna/Marokko von Mohamed Nadrani, Comicautor und Karikaturist der Tageszeitung Al-Ayam, wird während des wissenschaftlichen Kolloquiums für die Öffentlichkeit zugänglich sein und von einer Vorführung der Aufzeichnungen der öffentlichen Anhörungen „audition publique“ der IER und der „audition parallèle“ der Association Marocaine de Droit Humaine (AMDH) begleitet.
Datum: 22.5.2006 bis 3.6.2006
Ort: Kuhturm, Kuhturmstr. 4, Leipzig-Lindenau

...mit wem wir den Austausch gestalten:
• Friedrich Ebert Stiftung Rabat/ Marokko
• Goethe Institut Rabat/ Marokko
• LStU Dresden
• Mohamed Nadrani; Comicautor und Karikaturist Casablanca/ Marokko
• Prof. Dr. Ebert, Orientalisches Institut, Leipzig
• Prof. Dr. Klemm, Orientalisches Institut, Leipzig
• Prof. Dr. Meuschel, Institut für Politikwissenschaften, Uni Leipzig
• Dr. Rachid Ouaissa, Institut für Politikwissenschaften, Uni Leipzig
• Mitglieder der Instance Equité et Réconciliation (IER)
• Wissenschaftler der Universitäten Mohammed V (Rabat) und
Hassan II (Casablanca)
• Universitätsbibliothek Albertina
• Fachschaftsrat Politikwissenschaft
• Verein zur Pflege der Orientwissenschaften
• Galerie & Atelier Kuhturm
• Stiftung Aufarbeitung
• Fachschaftsrat des Historischen Seminars der Universität Leipzig
• StudentInnenrat Universität Leipzig
• Leipziger Kreis – Forum für Wissenschaft und Kultur e.V.
• Studentenwerk der Universität Leipzig
• Internationale Studentische Woche

Zeitplan


Comicausstellung Mohamed Nadrani



"Les sarcophages du complexe - disparitions forcées" - In den Folterkammern des Regimes

23. Mai bis 3. Juni 2006, täglich 15.00 bis 20.00 Uhr
im Kuhturm, Kuhturmstr. 4, Leipzig-Lindenau (Straba 7/8/15)

Besondere Veranstaltungen:

Mo, 22. Mai, 19:00 Uhr: Vernissage in Anwesenheit des Künstlers
Do, 25. Mai, 21:00 Uhr: Film "La chambre noire" (Marokko 2005)
Sa, 27. Mai, ab 21:00 Uhr: Maghreb Soundcheck mit DJ El-Jaro
So, 28. Mai, 15:00 Uhr: thematische Führung durch die Ausstellung in Anwesenheit des Künstlers
Mo, 29. Mai, 21:00 Uhr: "Das Ministerium für Staatssicherheit - Alltag einer Behörde"
Do, 1. Juni, 21:00 Uhr: Film "Jawhara" (Marokko 2004)
Sa, 3. Juni, 19:00 Uhr: Finissage

Kolloquium "Vergangenheit ist Zukunft



am 26. und 27. Mai 2006, von 9.30 bis 18.00 Uhr
Universitätsbibliothek "Bibliotheca Albertina"

Das Programm finden Sie hier

Vorherige Anmeldung unter 0341-462 6534 oder per Email

Weitere Infos und Downloads

 


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